Entschließungrede vor dem Kulturausschuss Kleve am 2/9/26
Das destruktivste Element für die Verbesserung der Welt ist die Gleichgültigkeit.
Prinz Johann Moritz zu Nassau-Siegen
Bis vor kurzem war Prinz Johann Moritz weithin als Humanist in Erinnerung. Ein Friedensfürst. Eine Person mit einer so reichhaltigen Geschichte wäre bei Zweifeln an seinem Leumund höchstens „Umstritten“. Es ist allerdings mittlerweile evident, daß Prinz Johann Moritz zu Nassau-Siegen in Recife in den Jahren 1637-1644 für die Niederländische Westindien-Kompanie ,unter anderem, die Beschaffung von billigen Arbeitskräften in Form von vermutlich 24000 SklavInnen organisierte. Das er dabei seinen Arbeitgeber betrog ist eher nebensächlich, gibt uns aber einen winzigen Einblick in seinen Charakter.
Geschichtsschreibung ist nie eine neutrale Rekonstruktion und im Falle Prinz Johnann Moritz dank der wissenschaftlichen Arbeit von Monteiro und Odegard um einiges präziser was den Blick auf Kleves ehemaligen Statthalter entnebelt.
Daß der Name des Prinzen nicht mehr als Aushängeschild wirkt hat mit dieser wissenschaftlichen Arbeit und der Einforderung ethischer Standards auf unsere Vorbilder zu tun.
Denken wir an Christoph Kolumbus der als “ Entdecker Amerikas “ schon länger vom Siegertreppchen der Geschichte geschubst wurde.
Mit der Brille einer Juristin hätte der Prinz heute so etwas wie den internationalen Gerichtshof in Den Haag nötig.
Es braucht eine neue Sicht auf das Wirken des Prinzen der mit seiner Macht und seinem Geld die Stadt Kleve in der historischen Form gestaltet hat.
In der Vergangenheit gab es verschiedenste Ansätze dieses Schwergewicht irgendwie in Balance zu bringen. Es ist gut und demokratisch wenn unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen ihre Ansichten darstellen können. Hier kommt meine Ansicht:
Das Ego von Prinz Johann Moritz muss gigantisch gewesen sein. Wenn ich es auf die äußeren Grenzen seiner Grab-Tumba beschränke strahlt es von dort seit Jahrhunderten ins Klever Land.
9,6 Kubikmeter Rauminhalt in Gußeisen verpackt, mit den Insignien der Macht.
Dem Gegenüber stehen geschätzt 24000 Menschen, welche ohne Namen und Grab, unsichtbar auf der anderen Seite der Waage. Ausgehend vom Ego des Prinzen müsste ihr metallenes Ehrengrab eine Kantenlänge von 60 Metern haben.
Aber dieses Ehrengrab gibt es nicht.
Das Abklingbecken von moritz’schen Ego steht unverändert und zwischenzeitlich mehrfach restauriert seit 1678 an seinem Platz.
Ground-Zero, seine Ausstrahlung hält fast unverändert das Niveau.
Durch die dauerhafte Strahlenbelastung haben sich die endemischen Bewohner über den langen Zeitraum an die moralische Verworfenheit ihres Stadtgründers gewöhnt.
Ein Vorbild im Umgang mit Strahlungsbelastung kann der Nuklearunfall vom 26. April 1986 in Tschornobyl sein, den ich für mein Kunstprojekt „Strahlungsgröße“ verwende.
Der havarierte Reaktor wurde in einer ersten Phase in einen Beton-Sarkophag eingehaust, 25 Jahre später, da die Radioaktivität den Beton zersetzte, mit dem „New Safe Confinement“ in Phase 2 eine moderne Schutzhülle unter Beteiligung von 40 Ländern.
Phase 1 des Projekts “ Strahlungsgröße “ soll bei der Bekämpfung schädlicher Ausstrahlung helfen und besteht aus zwei Komponenten: die Bildungsintervention und die künstlerische Vearbeitung der Ergebnisse mittels Happening.
Die Bildungsintervention
Ein didaktisches Konzept zum Wirken des Prinzen und der 24000 Namenlosen wird erarbeitet und in einem fächerübergreifenden
Geschichts– & Kunstunterricht mit SchülerInnen behandelt.
Während des multi-professionellen Unterrichtes gestalten die SchülerInnen ein Textil, vorzugsweise Stoffbahnen, in einer Mindestgröße von 35 Quadratmetern, welches im Rahmen eines Happening zur temporären Verhüllung der Grab-Tumba verwendet wird. Dazu muß im Vorfeld aus denkmalpflegerischer Sicht die Grab-Tumba wasserdicht foliert werden.
Das Happening
Mit Hilfe eines von mir benannten Personenkreises wird das Ehrengrab des Prinzen mit dem gestalteten Textil in einer Zeremonie verhüllt. Zur Befestigung des Textil wird eine dicke gelbe Kordel in mehreren Lagen um das Grabmal geschlungen und verknotet.
Möglichkeiten
Die Bildungsintervention kann in der Größe von einem Museums-Kurs bis hin zu einer stadtweiten Schul-Aktion skaliert werden. Ein internationaler SchülerInnen-Austausch birgt Möglichkeiten der Bildung, Freundschaft & Verständigung. Das Happening könnte als Event internationale Gäste aus den verschiedensten Ebenen des Themas beherbergen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Stadtgründer würde international bezeugt.
Fazit
Keine Infotafel kann das immense Verbrechen des Prinzen so darstellen daß es unbefangen so gefühlt wird wie es das Projekt „Strahlungsgröße“ tut. Nur die Kunst lässt uns fühlen was wir nicht aussprechen können. Bestellen wir für die kommenden Generationen den Boden so daß sie unverbrämt fühlen & urteilen kann.
Nur das Glück hat uns in die Lage versetzt hier darüber zu befinden und nicht als gepeinigte Sklaven eines despotischen Herrschers bis zum frühem Tod zu schuften.
Nutzen wir unser Privileg und beginnen wir mit der Erinnerung an die vielen tausen Leben welche ohne Grabmal und Ahnentafel in das Vergessen gingen.
Ausblick
Vielleicht sehen wir uns in einigen Jahren hier wieder wenn es um die Umsetzung von Phase 2 des Projekts „Strahlungsgröße“ geht.
Wie könnte die Bevölkerung einer Stadt ihre Weltoffenheit besser beweisen als mit einem Mahnmal gegen die Sklaverei auf dem leeren Grabmal ihres rassistischen Stadtgründers?
Es wäre das erste Mahnmal dieser Art in der Bundesrepublik.
Februar 2026
Die Form des Salzes, die Beschaffenheit des Eisens, die Position der Verneigung und die Richtung seiner größten Schuld.

Der erinnerungspolitische Super-GAU
Im Westen der Republik lebte einst ein Fürst der sich Kleve als seinen Altenteil auserkoren hatte. Mit dem Geld, seinem Ansehen und Beziehungen aus seinem vorherigen Arbeitsverhältnis gestaltete er die Provinzstadt und gab ihr ein mondänes Flair. Die Klever waren dankbar, schließlich spendierte der Prinz der Bauernschaft eine ruhmreiche Ausstrahlung.

Dass diese Ausstrahlung auf den kolonialen, patriarchal-kapitalistischen Anstellungsverhältnissen ihres Gönners fußte war schlichtweg egal. Die Strahlenkrankheit infolge dauerhafter Exposition tat ihre Wirkung und dauert bis heute an.
Das Ansehen Johann Moritz zu Nassau-Siegen ist ein Langzeit-Strahler. Seit nahezu 400 Jahren durchdringt es jedes Gewebe. Die endemischen Bewohner des verseuchten Gebiets haben sich in den Jahrhunderten an die Strahlenbelastung angepasst und ihr Verhältnis zu nötigen Distanzierung modifiziert. Winzige Korrekturen sollen eine Dekontamination darstellen aber wer sich im Kerngebiet erkundigt findet zahlreiche Hinweise daß das Gegenteil der Fall ist.
Eine Entseuchung ist dringend geboten und die Kunst könnte dabei helfen.
Auf 51° 46′ 15.61″ N 6° 09′ 56.95″ O befindet sich das Zentrum moritz’scher Verseuchung: die leere Grab-Tumba des Prinzen.

Das Projekt „Strahlungsgröße“ sieht vor eine kubischen Abschirmung um dieses Abklingbecken zu errichten um zukünftige Strahlenbelastungen zu verringern.
Das Vorhaben einen Stahlsarkophag um die leere Tumba des Prinzen zu installieren ist völlig überzogen, eine Anmaßung, finanziell zu aufwändig und denkmaltechnisch unmöglich. Und dennoch das probateste Mittel um einen nachhaltigen Erfolg im Umgang mit der kolonialen Hinterlassenschaft zu erreichen.
Im havarierten Block klevischer Empfindsamkeiten wächst derzeit unbemerkt etwas Neues. Es ensteht ein unsichtbarer Teil des Kunstwerk, welches aus einem Konglomerat des Schweigens und Ablehnung besteht. Schwere Elemente der Gesellschaft bilden spontane Reaktionen und neue Verbindungen welche eine Entseuchung des verstrahlten Areals sehr aufwändig macht.
Eine Entseuchung des Gebiets vor der anstehenden Landesgartenschau ist ungelegen und so setzen die Verantwortlichen die hundertausend erwartete Besucher einem kalkuliertem Strahlungsrisiko aus. Patriarchale und Koloniale Altlasten dürften die auswärtigen Besucher verstrahlen und die Kontamination in die Fläche tragen.
Zusammenfassend gilt : Es gibt viel zu tun um eine nachhaltige Erinnerungskultur in Kleve zu etablieren.
Anhang
